Die klassische Investmentlehre scheint in Stein gemeißelt. Wer jung ist, investiert in Aktien. Wer älter wird, schichtet in sichere Anleihen um. Doch eine aktuelle und umfassende Studie stellt dieses Prinzip des Lifecycle Investing komplett auf den Kopf. Die provokante These: Die optimale Aktienquote ist immer 100 % – und zwar ein Leben lang.
Level: Für Fortgeschrittene
Lesedauer: 5 Minuten
In diesem Artikel schauen wir uns an, warum der Wunsch nach Sicherheit dich im Alter teuer zu stehen kommen kann und was die wissenschaftliche Datenauswertung aus 39 entwickelten Aktienmärkten in über 130 Jahren wirklich zeigt (Link zur Studie).
Häufig gilt das Humankapital als entscheidendes Argument für eine hohe Aktienquote in jungen Jahren. Da junge Anlegende noch viele Berufsjahre vor sich haben, können sie Schwankungen am Markt besser aussitzen. Mit zunehmendem Alter sinkt dieses Humankapital, weshalb oft zu einer steigenden Anleihenquote geraten wird (z. B. die bekannte Formel „Aktienquote = 100 minus Lebensalter“).
Das Ziel ist der Kapitalerhalt und somit die Reduktion des Risikos, im Alter kein Vermögen mehr zu haben. Doch die Studie zeigt: Was wir als Sicherheit wahrnehmen, ist oft nur ein Schutz vor kurzfristigen Schwankungen (Volatilität). Doch dieser vermeintliche Schutz kann das eigentliche Risiko der Pleite im Alter massiv erhöhen.
Risiko neu definiert: Volatilität vs. Pleiterisiko
Häufig wird Risiko mit Volatilität gleichgesetzt, also der Gefahr, dass die Kurse zeitweise einbrechen. Doch für deine Altersvorsorge ist das wahre Risiko das Pleiterisiko (Ruin Probability). Pleiterisiko bedeutet die Gefahr, dass dir dein Geld vor deinem Lebensende ausgeht.
Die Datenanalyse über einen Zeitraum von 1890 bis 2023 und über 31.801 Länder-Monate (mehr als 2600 Jahre) in 39 internationalen Aktienmärkten zeigt ein überraschendes Bild:
Anleihen sind auf das Pleiterisiko bezogen langfristig riskant: Durch die geringe reale Rendite (durchschnittlich nur 0,95 % gegenüber 7,03 % bei internationalen Aktien) und die Anfälligkeit für Inflation (Korrelation von -0,78) verzehren Anleihen auf lange Sicht dein Kapital. Die negative Korrelation ist zusätzlich so gefährlich, weil sie bedeutet, dass der reale Wert von Anleihen genau in Zeiten steigender Preise massiv erodiert und dadurch die Kaufkraft deiner Ersparnisse im Ruhestand unmittelbar gefährdet.
Aktien werden sicherer, je länger man sie hält: Durch den Effekt der Mittelwertrückkehr (Mean Reversion) sinkt das Risiko von Aktien bei langen Halteperioden immer weiter. Auf Phasen mit unterdurchschnittlichen Renditen folgen statistisch häufig Phasen mit überdurchschnittlichen Renditen, wodurch sich die jährliche Durchschnittsrendite über die Zeit stabilisiert und das Pleiterisiko am Ende des Anlagezeitraums massiv abnimmt.
Der Preis der „Sicherheit“: 63 % mehr sparen
Die Studie beziffert den Preis der herkömmlichen Investmentberatung sehr eindeutig. Wer in einen typischen Target-Date Fund (TDF) investiert, der mit dem Alter den Aktienanteil senkt, muss im Vergleich zur optimalen 100 %-Aktienstrategie 63 % mehr sparen, um den gleichen Nutzen im Ruhestand zu erzielen.
Noch deutlicher wird es beim Pleiterisiko:
Target-Date Funds: Pleitewahrscheinlichkeit von 19,7 %.
100 % Aktienstrategie: Pleitewahrscheinlichkeit von nur 6,7 %.
Das Weltportfolio als optimaler Anker
Die Forscher haben nicht nur US-Daten betrachtet, sondern die Historie von 39 entwickelten Ländern. Dabei kristallisierte sich eine Allokation als optimal heraus, die man als klassisches Weltportfolio bezeichnen kann:
33 % inländische Aktien (US)
67 % internationale Aktien (Rest der Welt)
Diese breite Diversifikation schützt dich gerade dann, wenn die Inflation hoch ist – eine Phase, in der Anleihenmärkte meist besonders stark einbrechen.
Und was ist mit dem Crash am Tag des Renteneintritts?
Das größte Schreckgespenst ist das Rendite-Reihenfolgerisko (Sequence of Returns Risk): ein schwerer Börsencrash genau dann, wenn man aufhört zu arbeiten und mit der Entnahme beginnt.
Hier bietet das Paper zwei konkrete Lösungen an:
Taktischer Cashpuffer: Die einzige Ausnahme von der 100-%-Aktienquote ist ein Teil in kurzfristigen Staatsanleihen um das Renteneintrittsalter herum, der als Puffer dient, falls man z.B. eine starre 4-%-Entnahmeregel verfolgt. Dieser Anteil an kurzfristigen Anleihen liegt zum Renteneintritt (65 Jahre) bei 27%, sinkt jedoch auf 7 % im Alter von 68 Jahren und erreicht im Alter von 70 Jahren wieder 0 %.
Flexible Entnahme: Wenn du bereit bist, deine Entnahmen in schlechten Marktphasen zu reduzieren, ist eine Aktienquote von 100 % über das gesamte Leben hinweg sogar noch überlegener. Das Pleiterisiko sinkt dann nahezu auf null.
Zudem darfst du nicht vergessen, dass deine gesetzliche Rente faktisch bereits wie eine Anleihe mit nahezu sicheren Cashflow fungiert, weshalb die Aktienquote in deinem Portfolio bei 100 % liegen kann.
Fazit: Mut zu 100 % Aktien ein Leben lang?
Die Datenlage der Studie ist zweifellos beeindruckend und zeigt aus einer rein statistischen Perspektive, dass eine Aktienquote von 100 % selbst bei Renteneintritt kein „Himmelfahrtskommando“ ist. Tatsächlich erweist sich dieser Ansatz in den Simulationen oft als sicherer für den langfristigen Kapitalerhalt als klassische Strategien mit hohem Anleihenanteil. Um die Überlegenheit einer reinen Aktienquote zu verstehen, müssen wir uns von der Definition des Risikos als kurzfristige Volatilität lösen. Das fundamentale Risiko im Lebenszyklus-Modell ist nicht das Auf und Ab der Kurse, sondern die Gefahr der Kapitalerschöpfung (Financial Ruin), also die reale Wahrscheinlichkeit, dass das Vermögen noch vor dem Lebensende aufgebraucht ist.
Doch zur Wahrheit gehört auch: Eine Statistik ist reine Theorie und muss auch in der Realität zu deinem Risikoprofil passen. Bei der Umsetzung sollten dabei auch die folgenden drei Faktoren berücksichtigt werden:
Der Wohlfühlfaktor: Eine Strategie ist nur so gut wie ihre reale Umsetzbarkeit. Die optimale Strategie liefert zwar langfristig die besten Ergebnisse, ist aber mit massiven zwischenzeitlichen Wertverlusten (Maximum Draw Down) verbunden (im Durchschnitt 55 % während der Ansparphase), die Anleger psychisch an ihre Grenzen bringen können.
Die Portfoliogröße: Damit ein taktischer Cashpuffer (bei Renteneintritt mit 65 Jahren laut Modell ca. 27 %) oder eine flexible Entnahme funktionieren, muss das Gesamtvermögen eine entsprechende Größe haben. Nur wer über ausreichendes Kapital verfügt, kann es sich leisten, Entnahmen in Crash-Jahren flexibel zu kürzen oder sogar ganz darauf zu verzichten, ohne den Lebensstandard zu gefährden.
Die Cash-Reserve: Das Modell sieht vor, dass die Barreserven (kurzfristige Anleihen) bereits ab dem Alter von 70 Jahren wieder auf 0 % zurückgefahren werden. Dies setzt voraus, dass der Anleger bereit ist, das Langlebigkeitsrisiko primär über die Renditechancen des Aktienmarktes abzusichern. Dies erfordert je nach Marktphase unter Umständen starke Nerven.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Studie bricht mit alten Dogmen und beweist, dass Aktien für die Altersvorsorge deutlich wichtiger sind, als oft gelehrt wird. Ob man jedoch wirklich für eine 100-%-Aktienquote bereit ist, bleibt eine individuelle Entscheidung, die auch von der eigenen Risikotoleranz (auf Volatilität bezogen) und der absoluten Höhe des angesparten Vermögens abhängt.
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