Drei Unternehmen. Drei geplante Notierungen an der Nasdaq. Zusammen ca. 4 Billionen US-Dollar erwartete Marktkapitalisierung. Was bedeuten die drei wohl grössten IPOs der Börsengeschichte für deine ETFs?
Was ändert sich durch die Mega-IPOs für deine ETFs?
Für jeden Anleger, der einen globalen ETF als Kernstück in seinem Depot hält, stellt sich im Sommer 2026 die Frage: Was ändert sich jetzt wirklich für mein Geld?
Die Namen SpaceX, OpenAI und Anthropic bekommen durch die geplanten Börsengänge derzeit viel mediale Aufmerksamkeit. Wenn SpaceX allein mit astronomischen 1,75 Billionen US-Dollar bewertet wird, glauben viele, das Raumfahrtunternehmen würde nach dem Börsengang sofort in die Top 10 der großen Welt-Indizes stürmen. Rein hypothetisch würde das Kräfteverhältnis im MSCI World dann so aussehen wie in der folgenden Grafik (Anthropic: 965 Mrd. US-Dollar; OpenAI: 852 Mrd. US-Dollar)
Theoretische Gewichtung der AI-Firmen im MSCI World
Quelle: justETF Research; Stand: 05.06.2026; Wichtiger Disclaimer: Bei der Grafik handelt es sich um eine rein theoretische Betrachtung! Sie basiert auf den aktuellen Gesamtbewertungen der drei Unternehmen im Verhältnis zu den aktuellen Bewertungen der Unternehmen im MSCI World (29. Mai 2026). In der Praxis gewichten die großen Indexanbieter Aktien jedoch nach einer völlig anderen Logik.
Der Trugschluss mit der Marktkapitalisierung
Die Annahme, dass die drei Unternehmen sofort mit ihrem vollen Gewicht die Indizes dominieren, funktioniert an der Börse nicht. Alle führenden Benchmark-Indizes – ob MSCI World, FTSE All-World, S&P 500 oder Nasdaq 100 – gewichten ihre Mitglieder ausschließlich nach dem Streubesitz (Free Float). Es zählt also nur, was tatsächlich frei an der Börse handelbar ist.
SpaceX wird voraussichtlich zunächst nur einen Bruchteil seiner Aktien direkt an die Börse bringen. Nimmt man für SpaceX einen anfänglichen Free Float von 5 % und für OpenAI sowie Anthropic jeweils 10 % an, würde das kombinierte Gewicht aller drei Firmen im MSCI World anfangs unter 0,5 % liegen. Zum Vergleich: Bei einem hypothetischen, vollständigen Free Float würden die drei Werte (SpaceX, OpenAI und Anthropic) ca. 4 % des MSCI World ausmachen. Der tatsächliche Startwert im Depot wird also zunächst extrem gedämpft ausfallen.
Das Regelwerk der Indizes: Wer schlägt wann zu?
Je nachdem, welchen ETF du im Depot hast, landen die neuen Tech-Giganten zu teils unterschiedlichen Zeiten in deinem Depot. Die drei Indizes regeln den Einzug wie folgt:
Nasdaq 100
Hier wurde das Regelwerk pünktlich zum Börsengang angepasst. Erst zum 1. Mai 2026 trat die neue „Fast Entry“-Regel in Kraft. Diese Regel besagt, dass Megacaps (Top 40 im Nasdaq-Ranking mit über 100 Milliarden US-Dollar Bewertung) bereits nach nur 15 Handelstagen in den Index einziehen dürfen, ohne das reguläre vierteljährliche Rebalancing abzuwarten. Für SpaceX bedeutet dies: IPO am 12. Juni, Indexaufnahme bereits um den 3. bis 4. Juli. Doch wie gewichtet man einen 1,75-Billionen-Giganten, von dem kaum Aktien auf dem Markt sind? Auch hier greift eine pragmatische Sonderregelung. Da der Nasdaq weder den reinen Free Float noch die unbezahlbare Gesamtbewertung nutzt, gilt: Das Gewicht einer Aktie mit geringem Streubesitz darf maximal das Dreifache ihres echten Free Floats betragen. Bei den geschätzten 5 % Streubesitz (87,5 Milliarden US-Dollar) wird SpaceX im Index also so gewichtet, als wäre es 262,5 Milliarden US-Dollar schwer.
MSCI World
Beim weltweiten Leitindex ist die Eintrittsbarriere rein quantitativ. Die um den Free Float bereinigte Marktkapitalisierung eines Neulings muss mindestens das 1,8-Fache der Hälfte der Größenschwelle des Standardsegments (Standard Index Interim Market Size-Segment Cutoff) betragen. Klingt kompliziert und bedeutet einfach gesagt: Im Januar 2026 entsprach dies einem Wert von 13,2 Milliarden US-Dollar. Mit einem geschätzten Streubesitz von 5 % bringt SpaceX stolze 87,5 Milliarden US-Dollar Free-Float-Kapitalisierung auf den Markt – fast das Siebenfache der geforderten Mindestschwelle. Die Qualifikation ist somit eine reine Formsache, was aufgrund ihrer Größe genauso für OpenAI und Anthropic gilt. Eingebucht werden Aktien normalerweise beim ersten vierteljährlichen Rebalancing nach dem IPO. Der entscheidende Unterschied zu normalen Neulingen liegt jedoch im Tempo der Indexaufnahme. Bei derart großen IPOs wartet der Index nicht auf das nächste reguläre, vierteljährliche Rebalancing. Hier greift stattdessen das offizielle „Fast-Track“-Verfahren für vorzeitige Aufnahmen (Early Inclusions) außerhalb des normalen Turnus. Bei einem Börsengang am 12. Juni 2026 wird die Aktie bereits nach dem Schlusskurs ihres zehnten Handelstages effektiv in den Index eingebucht. Anstatt 80 Tage bis zum 1. September zu warten, wandert der SpaceX schon Ende Juni 2026 direkt in die Portfolios der ETFs.
FTSE All-World
Beim britischen Indexanbieter FTSE Russell verhält es sich ähnlich wie bei MSCI. Auch hier gibt es sogenannte Bypass-Regeln, die es erlauben, neu gelistete Unternehmen wie SpaceX deutlich vor der eigentlichen quartalsweisen Überprüfung in den Index aufzunehmen. Maßgeblich dafür sind neben Marktkapitalisierungs-Hürden auch der handelbare Streubesitz (Free Float) am ersten Tag der Börsennotierung. Da es sich bei den geplanten Börsengängen um absolute Mega-Caps handelt, kann davon ausgegangen werden, dass SpaceX und Co. auch hier sehr zeitnah, nämlich bereits nach 5 Handelstagen, in den Index aufgenommen werden.
S&P 500
Deutlich schwerer ist die Aufnahme in den S&P 500-Index. Der amerikanische Leitindex verlangt unter anderem diese zwei Bedingungen: mindestens zwölf Monate Börsennotierung und vier aufeinanderfolgende Quartale mit positivem Nettogewinn nach GAAP-Richtlinien. Tesla benötigte damals über zehn Jahre ab dem Börsengang, um diese Gewinn-Hürde zu nehmen. SpaceX erfüllt aktuell keine der beiden Bedingungen: Es ist eine Neuemission und schloss das Jahr 2025 trotz eines Umsatzes von 18,7 Milliarden US-Dollar mit einem Nettoverlust von 4,94 Milliarden US-Dollar ab. OpenAI erwartet für 2026 sogar Verluste von 14 Milliarden US-Dollar, und Anthropic verzeichnet erst im zweiten Quartal 2026 sein erstes potenziell profitables Quartal. Ohne Regeländerungen bleibt die Tür zum S&P 500 für SpaceX und Co. fest verschlossen. S&P Dow Jones Indices hatte zwar eine öffentliche Konsultation gestartet, um die Regeln an das Eintreffen der Megacaps anzupassen. Die beiden Vorschläge zur Aufnahmeanpassung sahen vor, die Mindestnotierungszeit von zwölf auf sechs Monate zu verkürzen und dem S&P-Indexkomitee zu erlauben, bei MegaCap-Unternehmen Ausnahmen von der GAAP-Gewinnpflicht zu machen. Wie S&P jedoch am 4. Juni 2026 bekannt gab, werden diese Änderungen für den S&P 500 nicht umgesetzt. Somit bleibt die Tür zum S&P 500 für SpaceX und andere unrentable Mega-Börsengänge fest verschlossen, bis sie die traditionellen Kriterien vollständig erfüllen.
Hinter den Kulissen der Indexanbieter spielt sich derzeit eine Entwicklung ab, die in der Finanzwelt für kontroverse Debatten sorgt: die Aufweichung langjähriger, strikter Aufnahmekriterien pünktlich zu den größten IPOs der Geschichte. Die Befürworter sehen darin eine notwendige Anpassung an eine neue Realität. Denn: Da Unternehmen vor allem in den USA dank privatem Kapital immer länger in privater Hand verbleiben, betreten sie das öffentliche Parkett oft erst als fertige Giganten. Flexiblere Indexregeln seien daher die einzige Chance, um diese Schwergewichte überhaupt noch zeitnah zu erfassen und den Markt weiterhin repräsentativ abzubilden.
Kritiker warnen jedoch vor einer künstlichen Nachfrage im Zuge der Indexanpassungen, die im konkreten Fall von SpaceX besonders deutlich werden. Denn hier wird der Free Float nach dem Börsengang keineswegs starr bleiben. Durch ein Stufenmodell und das schrittweise Auslaufen von Lock-up-Fristen für Insider wird die Menge der frei handelbaren Aktien sukzessive von 5 % auf ca. 50 % nach oben steigen.
Für passive ETFs bedeutet das einen enormen Anpassungsdruck: Sie müssen die Aktie nicht nur schnell aufnehmen, sondern bei jedem Erhöhungsschritt des Free Floats massiv Anteile nachkaufen. Da diese Zuflüsse rein regelbasiert erfolgen, müssen sie exekutiert werden – völlig unabhängig davon, ob die astronomische Bewertung von bis zu 2 Billionen US-Dollar zu diesem Zeitpunkt durch Umsätze und Margen gerechtfertigt ist oder primär von der aktuellen Marktstimmung getragen wird.
Fazit für dein Depot
Die größten IPOs der Börsengeschichte werfen ihre Schatten voraus. Die Vergangenheit zeigt uns jedoch, dass eine starke Zunahme von IPOs oft auch ein Vorbote für einen heiß gelaufenen Markt und einen bevorstehenden Bärenmarkt sein kann.
Solltest du deshalb jetzt deine Core-ETFs auf den MSCI World oder andere Welt-Indizes verkaufen? Nein, absolut nicht. Prognosen und Market-Timing am Aktienmarkt grenzen ohnehin eher an Zockerei als an eine fundierte Anlagestrategie.
Es ist jedoch völlig nachvollziehbar, wenn man sich angesichts dieser Indexanpassungen und der extremen Konzentration auf wenige Tech-Titel mit einem rein nach Marktkapitalisierung gewichteten ETF nicht mehr ganz wohlfühlt. Das Schöne ist: Die ETF-Welt bietet für fast jedes Problem eine passende Antwort. Hier einige Ideen:
Fundamentale Gewichtung: Wenn du den Fokus weg von der reinen Größe hin zu fundamentalen Kennzahlen lenken willst, könnte sich ein Blick auf Value-ETFs oder Quality-ETFs lohnen.
Dividenden-Strategien: Wer lieber auf bewährte Cashflows statt auf die Wachstumsfantasien der Zukunft setzt, findet in Dividenden-ETFs eine solide Alternative.
Equal Weight & Regionen: Eine Gleichgewichtung (Equal Weight) oder das gezielte Aufteilen des Depots nach Regionen (z. B. Nordamerika, Europa, Emerging Markets) kann den US-amerikanischen Tech-Riesen ebenfalls die erdrückende Dominanz nehmen.
Man muss also keineswegs verzagen – wer den klassischen MSCI World nicht weiter stur besparen möchte, hat genügend Werkzeuge an der Hand, um sein Depot auch für die bevorstehenden IPOs aufzustellen. Und wer auf der anderen Seite bei den neu gelisteten Firmen unbedingt dabei sein möchte, ist es in aller Regel auch mit gängigen Welt-ETFs von MSCI, FTSE und Co.
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