Warum das Mantra „Aktien steigen immer“ mit Vorsicht zu geniessen ist: Vom Fall Japan bis hin zu „verlorenen Jahrzehnten“ an den Weltmärkten. Wir zeigen dir, was du über Diversifikation, Anlagehorizont und globale ETFs wissen musst.
„Auf lange Sicht steigt der Aktienmarkt immer.“
Dieser Satz gehört wohl zu den am häufigsten zitierten Ratschlägen in der Finanzwelt. Die Botschaft ist ebenso simpel wie beruhigend: Investiere einfach, ignoriere kurzfristige Schwankungen und lass die Zeit für dich arbeiten.
Doch wie so oft an der Börse ist die Realität komplexer als die Theorie. Zwar sind Aktien historisch gesehen die Anlageklasse mit den höchsten Renditechancen, doch das bedeutet nicht, dass jede Aktie Verluste automatisch wieder aufholt oder die Zeit allein jedes Marktrisiko verschwinden lässt.
Um ein wirklich robustes Portfolio aufzubauen, musst du die Grenzen dieses Mantras und die damit verbundenen Risiken verstehen.
Der erste Fehler: Die Hoffnung, dass die Zeit Einzelaktien rettet
Viele Anleger konzentrieren sich auf wenige Unternehmen, die sie für unangreifbare Branchenführer halten. Doch die Geschichte lehrt uns: Selbst Giganten stürzen – und das häufiger, als man erwartet.
Zwei prominente Beispiele verdeutlichen dies:
Nokia: Einst der unangefochtene Weltmarktführer des Mobilfunkmarktes.
Kodak: Jahrzehntelang das Synonym für Fotografie.
Beide galten über Dekaden als unangefochtene Marktführer. Doch der technologische Wandel und verpasste Innovationen machten ihre Geschäftsmodelle praktisch über Nacht obsolet. In solchen Fällen ist Aussitzen keine Lösung. Wenn die fundamentale Basis eines Unternehmens zerstört ist, kann auch ein langer Atem das Investment nicht mehr retten.
Der ständige Wandel der Marktführer
Ein Blick in die Historie der Aktienmärkte zeigt eine ständige Dynamik. Die Liste der wertvollsten Unternehmen der Welt setzt sich regelmäßig neu zusammen.
Firmen, die vor 30 Jahren den Markt dominierten, haben heute oft kaum noch eine Bedeutung für die globalen Aktienmärkte. Auch wenn es heute schwer vorstellbar ist, dass die aktuellen Tech-Giganten jemals an Bedeutung verlieren könnten – die Geschichte legt nahe, dass die Markthierarchien nicht in Stein gemeißelt sind.
Die 10 größten Unternehmen des S&P 500 im Wandel der Zeit
Die Lehre daraus: Zeit kann Marktschwankungen ausgleichen, aber sie kann überholte Unternehmen nicht wiederbeleben.
Die Lösung: Diversifikation durch ETFs
Um das Risiko von Einzelaktien zu minimieren, setzen viele Anleger auf ETFs, die ganze Indizes abbilden. Diese Strategie bietet einen entscheidenden Vorteil: Diversifikation.
In einem Index wie dem S&P 500 oder dem MSCI World passiert Folgendes:
Unternehmen, die an Marktwert verlieren, werden im Index sukzessive niedriger gewichtet, bis sie womöglich ganz daraus verschwinden.
Im Gegenzug rücken aufstrebende Firmen nach und gewinnen mit zunehmender Marktkapitalisierung automatisch an Gewicht.
Das Portfolio passt sich permanent dem aktuellen Stand der Weltwirtschaft an.
Damit wird das Risiko eines Totalverlustes durch die Insolvenz eines einzelnen Unternehmens praktisch eliminiert. Doch auch ein breiter Index schützt nicht vor allen Marktrisiken.
Der Fall Japan: Wenn „langfristig“ Jahrzehnte dauert
Das wohl eindringlichste Beispiel für die Risiken einzelner Aktienmärkte ist Japan. Ende der 1980er-Jahre galt Japan als die aufstrebende Wirtschaftsmacht der Welt. Japanische Firmen waren weltweit führend, das Gewicht japanischer Aktien im MSCI World betrug 40 Prozent und der Aktienmarkt schien nur eine Richtung zu kennen: nach oben.
Im Jahr 1989 erreichte der japanische Leitindex Nikkei 225 auf dem Höhepunkt einer gigantischen Spekulationsblase seinen historischen Höchststand. Was folgte, war eine beispiellose Phase der Stagnation.
Entwicklung des japanischen Aktienmarktes 1980–2024
Quelle: justETF Recherche; Stand 2025
Es dauerte rund 34 Jahre, bis der Nikkei sein Niveau von 1989 nachhaltig überstieg – dies gelang erst im Jahr 2024. Ein Anleger, der zum Höchstpunkt investiert hätte, hätte ein ganzes Arbeitsleben lang auf den Break-even-Point warten müssen. Dies zeigt: Selbst ein gesamter nationaler Markt kann über Jahrzehnte stagnieren.
Auch globale Märkte kennen „verlorene Jahrzehnte“
Japan ist kein Einzelfall. Auch der US-Markt sowie globale Indizes erlebten Phasen, die als „verlorene Jahrzehnte“ in die Geschichte eingingen. Zwischen 2000 und 2013 etwa trat der S&P 500 per Saldo auf der Stelle.
Verantwortlich dafür waren zwei massive Krisen kurz hintereinander:
Das Platzen der Dotcom-Blase (2000)
Die globale Finanzkrise von 2007 und 2008
Wer Anfang 2000 investierte und das Geld nach zehn Jahren für die Rente oder ein Haus benötigte, stand unter Umständen mit einer Nullrendite oder – unter Berücksichtigung der Inflation – sogar mit einem realen Verlust da.
Entwicklung des MSCI World 1996–2014
Quelle: MSCI, justETF Recherche
Drei grundlegende Lehren für Anleger
Bedeutet das nun, dass Aktieninvestments eine schlechte Wahl sind? Ganz im Gegenteil. Historisch betrachtet bleiben sie die rentabelste Anlageklasse für den langfristigen Vermögensaufbau. Die eigentlichen Lehren sind eine andere:
1. Global diversifizieren
Sich auf ein einzelnes Land zu konzentrieren, ist riskant. Ein globaler ETF, der einen breiten Weltindex abbildet, bietet dir stattdessen entscheidende Vorteile:
Diversifikation: Du verteilst dein Kapital über zahlreiche Märkte, Branchen und Währungsräume hinweg.
Risikominimierung: Du reduzierst die Abhängigkeit von der politischen oder wirtschaftlichen Entwicklung eines einzelnen Staates.
Weltweites Wachstum: Du profitierst langfristig und zuverlässig vom Erfolg der gesamten Weltwirtschaft.
Den Anlagehorizont an das Portfolio anpassen
Zeit ist dein wichtigster Verbündeter, aber nur, wenn du sie hast. Kurzfristig sind Aktienmärkte fast unvorhersehbar. Doch je länger der Zeitraum, desto höher ist historisch die Wahrscheinlichkeit einer positiven Rendite:
Kurzfristig: Ergebnisse ähneln einem Glücksspiel.
5 bis 10 Jahre: Die Wahrscheinlichkeit für Gewinne steigt deutlich.
Ab 15 Jahren: Historisch gesehen sinkt das Risiko eines Verlusts bei globaler Streuung gegen Null.
Wahrscheinlichkeit positiver Renditen in Abhängigkeit vom Zeithorizont
Quelle: justETF Recherche; Stand 2026
3. Realistische Erwartungen
Der Markt verläuft nicht linear. Auch mit einem perfekt diversifizierten Portfolio musst du mit Phasen der Stagnation rechnen. Wenn du dir dessen bewusst bist, hilft es dir dabei:
Impulsive Entscheidungen zu vermeiden
Nicht zum schlechtesten Zeitpunkt zu verkaufen
Langfristig Disziplin zu bewahren
Fazit
Die Aussage „Aktien steigen langfristig immer“ enthält zwar einen wahren Kern, trifft aber nicht auf jeden beliebigen Zeitraum zu. Einzelaktien können scheitern, Länder können jahrzehntelang stagnieren und auch bei Weltindizes brauchst du manchmal einen langen Atem.
Eine erfolgreiche Anlagestrategie ruht daher auf drei Säulen:
Globale Streuung
Ein langfristiger Zeithorizont (mindestens 10–15 Jahre)
Realistische Erwartungen an die langfristigen Renditen des Marktes
Wer unter diesen Voraussetzungen investiert, kann Schwankungen gelassen aussitzen und langfristig vom Wachstum der Weltwirtschaft profitieren.
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