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ETFs und ihre Stimmrechte: Werden sie nachhaltig genutzt?

justETF.com

Auch ETFs und ihre Investoren können als Kapitaleigner bei Aktiengesellschaften mitbestimmen. Die Ausübung von Stimmrechten erfolgt oft weniger passiv als die eigentliche Index-Anlage. Wir berichten, wie unterschiedlich die ETF-Anbieter damit umgehen.

ETFs und ihre Stimmrechte: Werden sie nachhaltig genutzt? Das Stimmrecht bei Aktien ist eine wichtige Kontrollfunktion, die fest im Aktienrecht verankert ist. Jeder Einzelaktionär wird dabei im Rahmen seiner Beteiligung berücksichtigt, auch bei börsennotierten Gesellschaften mit sehr vielen Anteilseigner. Die Ausübung der Stimmrechte erfolgt auf den Hauptversammlungen der Gesellschaft. Im Mittelpunkt stehen meist kurzfristige Entscheidungen wie zur Höhe der Dividenden oder Entscheidungen über Fusionen oder Aufspaltungen.

 

Stimmrechte haben eine wichtige Kontrollfunktion

Doch auch längerfristige Entscheidungen über den rein kapitalistischen Aspekt hinaus werden von den Aktionären gefordert, denn: Eigentum verpflichtet. Das ist einer der Leitsätze der Marktwirtschaft. Aktionäre können helfen, das Verhalten des gesamten Unternehmens („Corporate Governance”) so zu gestalten, damit auch mittel- bis langfristige Ziele erreicht werden: eine gerechte Behandlung der Mitarbeiter, eine langfristig orientierte Vorstands-Entlohnung, Nachhaltigkeit in Form von Umwelt und natürliche Ressourcen schonen. Im englischen Sprachraum wird dieses Vorgehen auch „Stewartship” genannt. Unter diesem Terminus sind einige Gesetze verfasst. Internationale Fondsgesellschaften veröffentlichen ihre Berichte über Abstimmungen in Hauptversammlungen ebenfalls unter diesem Begriff.

 

Entscheidungen werden von der Fondsgesellschaft getroffen

Welchen Einfluss haben Sie als Anleger nun, wenn ihre Anteile von einem passiven Fonds wie einem ETF gehalten werden? Als ETF-Anleger investieren Sie in einen diversifizierten Index und haben vielleicht auch gar kein Interesse, zu jedem Unternehmen aus dem Index eine Meinung zu entwickeln. Verfällt dann ihre Macht als Kapitaleigner?

Tatsächlich gibt es keinen Mechanismus, mit dem Anleger selbst Einfluss nehmen können, wenn ihre Anteile von einem Publikumsfonds gehalten werden – aktiv wie passiv. Dies wird von den Fondsgesellschaften in den Prospekten auch bewusst ausgeschlossen. Als Anleger müssen Sie sich auf die Fondsgesellschaft verlassen.

 

Der Einfluss von Stimmrechten aus ETFs kann gering sein

ETF-Anbieter können prinzipiell Stimmrechte verwenden, wenn sie die Aktien wirklich halten.

Bei physisch abgebildeten ETFs ist das sehr oft der Fall, wenn auch mit Einschränkungen: Häufig verleihen die ETF-Anbieter Teile ihres Portfolios, um das Index-Tracking noch günstiger gestalten zu können. Ist die Aktie verliehen, wandert jedoch auch das Stimmrecht mit. Bei breiten Indizes werden aus Kostengründen die Portfolios häufig nicht vollständig abgebildet, da der untere Teil des Index kaum einen Einfluss hat und das Tracking in diesem Fall unnötige Kosten verursacht. Auch dann entfällt natürlich das Stimmrecht.

Bildet der ETF-Anbieter den Index synthetisch ab, also mit einem Swap, entfällt diese Möglichkeit komplett.

 

Kleinere Werte werden kaum abgedeckt

Sicher wird kein ETF jemals die Mehrheit bei einer Entscheidung einer Hauptversammlung ausmachen, aber vielleicht sind die durch den ETF vertretenen Stimmrechte das Zünglein an der Waage? Denn die größten ETFs sind diejenigen auf die liquidesten Indizes wie S&P 500 oder MSCI World. Da die europäischen ETF-Anbieter über 600 Milliarden Euro in Aktien-ETFs verwalten und diese Bestände eher wachsen als schrumpfen, entsteht besonders bei großen Unternehmen eine nutzbare Marktmacht im Indexportfolio.

Bei kleineren Werten sind die Stimmen der ETFs eher bedeutungslos, machen doch Aktien-ETFs weltweit weniger als 4 Prozent der Marktkapitalisierung von Aktien aus. Für ETF-Anbieter gilt es hier abzuwägen, ob die Kosten für die Ausübung der Stimmrechte den Aufwand wert sind. Bei kleineren Titeln in Schwellenländern ist die Übermittlung der Stimmen eine Herausforderung. Dazu kommen die Kosten, um die Stimmrechte über spezialisierte Anbieter (sog. „Proxy-Voter”) auszuüben – im ETF-Markt herrscht ein großer Wettbewerbsdruck.

 

Viele ETF-Anbieter nutzen die Stimmrechte

In der europäischen ETF-Welt ist der Umgang mit Stimmrechten noch recht neu – schließlich ist die Industrie in relativ kurzer Zeit zur heutigen Größe gewachsen. Die wachsende Nachfrage nach nachhaltigen Investment-Strategien zeigt aber, dass ETF-Anleger Interesse am verantwortungsvollen Investment haben.

justETF hat daher im September 2020 die 15 größten ETF-Anbieter befragt, die zusammen rund 600 Milliarden Euro in Aktien-ETFs verwalten. Die Ergebnisse zeigen, dass ETF-Anbieter entgegen häufig geäußerter Kritik durchaus verantwortungsvoll mit den Stimmrechten aus den Beständen der ETFs umgehen. Lediglich ein kleiner Anbieter äußerte, Stimmrechte gar nicht wahrzunehmen. Zwölf Anbieter, die zum Zeitpunkt der Befragung 530 Milliarden Euro in ihren Aktien-ETFs verwalteten, nehmen Stimmrechte in der ganzen Aktien-ETF-Palette wahr – ohne Ausnahmen. Die Wahrnehmung der Rechte erfolgt demnach nicht nur in nachhaltigen ETFs. Acht Anbieter gaben an, dass die Stimmrechte bei einem Großteil der Titel wahrgenommen werden, fünf Anbieter sogar für alle Titel in den ETFs. Fast alle Anbieter teilten zudem mit, dass bei der Stimmabgabe Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt werden.

 

Wie die Anbieter die Stimmrechte ausüben

Der Anbieter BlackRock, zu dem der ETF-Marktführer iShares gehört, ist die größte Fondsgesellschaft der Welt und verfügt daher über erheblichen Einfluss bei den Unternehmen. Ein eigenes Team kümmert sich um die nachhaltige Verwendung und Ausübung von Stimmrechten. Die Abstimmungspolitik von BlackRock, der iShares-Mutter, gilt als vorbildlich. So wurden im vergangenen Jahr in 37 Prozent der Entscheidungsvorlagen sogar gegen den Vorschlag des Managements gestimmt. Dies dokumentiert der Fondsverwalter auch öffentlich in einem Ergebnisprotokoll, allerdings oft nur in englischer Sprache. Links zu den Reports der Anbieter stellen wir unten in einer Tabelle zur Verfügung.

Fünf weitere Häuser bündeln wie iShares die Stimmen mit dem Mutterhaus, unter dessen Dach noch weitere Vermögensverwalter angesiedelt sind. Dabei handelt es sich um die Anbieter Credit Suisse, Deka ETFs, BNP Paribas Easy, SPDR ETF und Legal & General (LGIM). Vanguard vereint die ETF-Stimmrechte mit den großen Indexfonds aus dem gleichen Haus. Acht Anbieter gaben in unserer Umfrage an, die Stimmrechte alleine wahrzunehmen. Dies verwundert, weil die Anbieter oft auch zu einem größeren Mutterhaus gehören, wie etwa Amundi, UBS, HSBC und Xtrackers.

Mittelgroße Anbieter wie Xtrackers von der Deutschen Bank oder kleinere Anbieter wie WisdomTree lagern ihre Stimmrechte oft an ein Serviceunternehmen aus, das die Abstimmung im Einzelfall übernimmt (sog. „Proxy-Voting-Services”).

Dabei gaben 8 von 14 ETF-Anbietern an, dass die Entscheidungen über die Stimmverwendung im eigenen Haus getroffen werden. Diese Gruppe steht für mehr als die Hälfte des repräsentierten Vermögens. Bei vier Anbietern, die ein weiteres Drittel des Aktien-ETF-Vermögens darstellen, wird die inhaltliche Entscheidung vom Mutterhaus getroffen. Das sind iShares, Credit Suisse, Deka ETFs und BNP Paribas Easy. Bei SPDR werden die Entscheidungen zusammen mit dem Mutterhaus gefällt. 

Oft entwickeln die ETF-Anbieter jedoch keine Meinung zu einzelnen Unternehmen, sondern geben dem Proxy-Voting-Unternehmen nur noch Richtlinien vor. Diese Richtlinien berücksichtigen ähnliche Kriterien wie bei der nachhaltigen Kapitalanlage: ESG, also Umwelt („E” = Environment), Soziales („S”=Social) und Unternehmensstrukturen („G”=Governance).

Der Serviceanbieter recherchiert dann unter Berücksichtigung der Kundenwünsche selbst, wie die richtige Entscheidung ausfallen sollte. Bei den Service-Anbietern dominiert die Firma ISS mit einem Anteil von 60 Prozent den Markt für Proxy-Voting-Services, was wegen der großen Marktmacht bereits Kritiker auf den Plan ruft.

Unser Fazit: ETF-Anbieter nehmen die Stimmrechte von physischen Aktien-ETFs umfangreich wahr und berücksichtigen dabei sogar Nachhaltigkeitskriterien. Dabei stimmen ETF-Anbieter durchaus gegen Vorschläge des Managements und sind daher ein wichtiger Korrekturfaktor. Bei den meisten Anbietern lassen sich die Abstimmungsergebnisse nachlesen. Die wachsende Popularität der ETFs sorgt dafür, dass diese Stimmen immer wichtiger werden.
 
 

Links zu den Abstimmungsberichten der ETF-Anbieter (meist in engl. Sprache)

ETF-Anbieter Links zu den Voting-Berichten
Amundi ETF zum Voting-Bericht
BNP Paribas Easy zum Voting-Bericht
Credit Suisse zum Voting-Bericht
Deka ETFs zum Voting-Bericht
HSBC ETF zum Voting-Bericht
iShares zum Voting-Bericht
Legal & General (LGIM) zum Voting-Bericht
Lyxor ETF zum Voting-Bericht
SPDR ETF zum Voting-Bericht
UBS ETF zum Voting-Bericht
Vanguard zum Voting-Bericht
WisdomTree zum Voting-Bericht
Xtrackers zum Voting-Bericht