Das Zinsrisiko von Anleihen-ETFs verstehen

justETF.com

Welchen Einfluss haben Zinsänderungen auf Anleihen? Wir zeigen Ihnen, wie sensibel Anleihen auf Veränderungen der Zinssätze reagieren und wie Sie die Höhe der Kursschwankungen von Anleihen-ETFs besser einschätzen können.

Das Zinsrisiko von Anleihen-ETFs verstehen Anleger investieren hauptsächlich in Anleihen, da diese eine willkommene Portion Stabilität ins Portfolio bringen. Dennoch können Anleihen auch hohen Preisschwankungen unterliegen. Das Zinsrisiko hilft das zu verstehen.

Anleihezinsen sind das Resultat von Angebot und Nachfrage für jede einzelne Anleihe auf dem Markt. Das bedeutet, jede Anleihe hat ihre eigene Rendite, die kontinuierlichen Veränderungen unterliegt. Diese verändert sich aufgrund der Inflationserwartung, Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung, des Kreditrisikos und der Laune der Investoren. Wenn sich der Marktzins verändert, verändert sich der Kurs der Anleihe.

 

Der Effekt von Zinsänderungen auf die Anleihepreise

Der Effekt von Zinsänderungen auf die Anleihepreise:fallende Zinsen
Der Effekt von Zinsänderungen auf die Anleihepreise:steigende Zinsen
 
  • Wenn die Zinsen fallen, dann steigen die Anleihepreise
  • Wenn die Zinsen steigen, dann fallen die Anleihepreise
Diese Beziehung ist eine mathematische Gegebenheit, denn andernfalls würde der Anleihenmarkt einfrieren.

Der Grund dafür ist einfach: Neue Anleihen werden mit einem Kupon ausgegeben, der in der Regel zum aktuellen Marktzins passt. (Der Kupon der Anleihe bestimmt die Höhe der Zinszahlung, die auf den Nominalwert gezahlt wird.)

Ein Beispiel: Eine frischgebackene 5-jährige Staatsanleihe wird Investoren mit einem Kupon von 3% angeboten.

Die Anleihe zahlt jedes Jahr bis zur ihrer Fälligkeit 3% ihres Nominalwertes von 100€ aus. In anderen Worten beträgt die Zinszahlung jährlich 3€, bis die Anleihe in 5 Jahren ausläuft und der Emittent den Nominalwert von 100€ zurückzahlt.

Aber was ist, wenn man eine ältere Staatsanleihe besitzt, die aufgelegt wurde, als die Zinsen niedriger waren? Diese Anleihe zahlt nur einen Kupon von 2% pro Jahr und hat auch noch eine Restlaufzeit von 5 Jahren. Abgesehen vom niedrigeren Kupon, ist diese Anleihe ziemlich genau identisch mit der 3%-Anleihe.

Wer würde sich in einer Welt mit 3% Marktzinsen, nur mit 2% begnügen? Die Antwort lautet: Niemand. Wenn Sie also Ihre 2% Anleihe verkaufen möchten, müssen Sie den Preis weit genug senken, dass die Anleihe mit anderen Anleihen mithalten kann.

In unserem Beispiel ist dieser Preis 95,24€.

Somit haben Sie einen Kapitalverlust von 4,76€ auf die ursprünglichen 100€, die Sie in die Anleihe investiert haben. Sie sind nicht glücklich, aber der Käufer wird den Handel eingehen, da ihm die Discount-Anleihe (Bezeichnung für Anleihen mit einem Kurs unter dem Nominalwert von 100) eine Anleiherendite von 3% bis zum Laufzeitende in 5 Jahren verspricht.

Das liegt daran, dass die 2% Kuponzahlungen plus dem Kapitalgewinn, der realisiert wird, wenn die Anleihe in 5 Jahren zum Nominalwert von 100€ zurückgezahlt wird, genau dem Ertrag der 3% Anleihe von heute mit einer Laufzeit von 5 Jahren entspricht.

Umgekehrt funktioniert es auf dieselbe Weise. Wenn Sie noch eine alte Anleihe besitzen, die hohe Zinszahlungen verspricht, dann können Sie diese aufgrund des hohen Kupons teurer weiterverkaufen.

 

Die Auswirkungen der Laufzeit auf die Anleihenpreise

Die Auswirkungen der Laufzeit auf die Anleihenpreise
Die Laufzeit einer Anleihe ist wie ein Countdown auf den Tag der Rückzahlung. Eine 10-jährige Staatsanleihe mit einem Nominalwert von 100€ läuft also in einem Jahrzehnt aus, wenn die Bundesregierung die letzte Zinszahlung tätigt, und die 100€ zurückzahlt um die Schuld zu tilgen.

In 9 Jahren wird diese Anleihe eine einjährige Anleihe sein. Der Rückzahlungsbetrag (Nominalwert) und die Kuponzahlungen sind im Voraus für die gesamte Laufzeit der Anleihe festgelegt. Deshalb bezeichnet man Anleihen auch als Festzinsanlagen oder Renten.

Es ist keine Überraschung, dass der Markt höhere Renditen von 10-jährigen Anleihen erwartet, als von ihren einjährigen Pendants.

Stellen Sie sich vor, wie Sie sich dabei fühlen würden jemandem einen Kredit über zehn Jahre zu geben, anstatt nur über ein Jahr. Was ist, wenn Sie das Geld schnell zurück brauchen? Was, wenn die Person zahlungsunfähig wird? Was, wenn die Inflation nach oben schießt, und den Wert des Kredits vernichtet?

Auf ähnliche Weise verlangt der Anleihenmarkt eine größere Belohnung für längerer Darlehen, um für das zusätzliche Risiko einer unsicheren Welt entschädigt zu werden. Manche Anleihen laufen erst in 20 oder sogar 50 Jahren aus. Denken Sie daran: Der Cashflow einer Anleihe, also die Kuponzahlungen und der Rückzahlungsbetrag, stehen von Anfang an fest und verändern sich nicht. Sollte die Inflation plötzlich ansteigen, dann wird eine langlaufende Anleihe wesentlich stärker benachteiligt, als eine kurzlaufende Anleihe, die bereits nächstes Jahr zurückgezahlt wird.

Langlaufende Anleihen müssen dem Anleger also höhere Zinsen bieten, um ihn für dieses Risiko zu entschädigen. Dies wird auch durch die höheren Renditen für langlaufende Anleihen-ETFs verdeutlicht.

Die Auswirkungen von Veränderungen auf zukünftige Cashflows bedeutet auch, dass sich verändernde Zinsen größere Auswirkungen auf langfristige Anleihen haben, als auf kurzfristige.

Ein Zinsanstieg verursacht bei langfristigen Anleihen einen größeren Kapitalverlust (Fall des Anleihepreises). Im Gegensatz zu kurzlaufenden Anleihen, ist die Höhe der ausstehenden Zinszahlungen bei langlaufenden Anleihen wesentlich höher. Dies muss durch einen günstigeren Anleihepreis kompensiert werden. Im Gegenzug profitieren Anleihen mit langer Laufzeit auch deutlich stärker von einem sinkenden Zinssatz.

 

Duration: Kennzahl für die Zinssensitivität von Anleihen

Wie stark verändert sich der Kurs eines Anleihen-ETFs, wenn sich die Zinsen ändern? Die Duration, ist genau die Kennzahl, die Ihnen diese Frage beantwortet.

Die Duration ist also ein Maß dafür, wie sich der Kurs einer Anleihe verhält, wenn sich der Zinssatz um 1% ändert. Die folgende Grafik zeigt, wie sich die Kurse von Anleihen-ETFs verschiedener Durationen bei einem Zinsanstieg um 1% verändern.

 

Preisveränderung eines Anleihe-ETFs bei einem Zinsanstieg um 1%

Duration von Anleihe ETFsHinweis: Dies ist eine schematische Darstellung der Auswirkung von Duration bei Anleihen-ETFs.
 
  • Wenn die Zinsen um 1% steigen, fällt der Wert eines Anleihe-ETFs mit einer Duration von 2 ungefähr um 2%. Wenn die Zinsen um 1% fallen, steigt der Wert ungefähr um 2%.
  • Ein Anleihe-ETF mit einer Duration von 6, verliert ungefähr 6% an Wert, wenn die Zinsen um 1% steigen und steigt um 6%, wenn die Zinsen um 1% fallen.

Im Grunde braucht man nur die Duration mit der Änderung des Zinssatzes zu multiplizieren, um den ungefähren Gewinn oder Verlust zu erhalten.

Die Duration gibt außerdem an, wie lange ein ETF ungefähr braucht, um sich von einem Verlust zu erholen.

Eine Duration von 2 gibt an, dass der ETF 2 Jahre braucht um sich zu erholen, während eine Duration von 6 bedeutet, dass der ETF 6 Jahre benötigt.

Diese Erholung rührt daher, dass der ETF nach der Erhöhung der Zinsen in neue, höherwertige Anleihen investiert. Bald werden die höheren Kuponzahlungen den Kapitalverlust kompensiert haben. Natürlich nur, wenn sie alle Zinszahlungen reinvestieren.

Wie schon zuvor, funktioniert dieser Mechanismus auch umgekehrt. Der Kapitalgewinn eines ETFs mit der Duration von 2 wird durch geringere Kuponzahlungen der nächsten 2 Jahre nach der Zinssenkung aufgehoben.

Die durchgerechnete Duration des ETFs können Sie, zusammen mit der durchschnittlichen Rendite der Anleihen, auf dem Factsheet des ETF Anbieters finden.

Sie werden feststellen, dass niedrigere Durationen häufig bei kurzfristigen Anleihen-ETFs zu finden sind. Die Duration steigt allerdings mit der Laufzeit der Anleihen an. So hilft Ihnen die Duration die Auswirkungen von Zinsänderungen auf verschiedene ETFs schnell einzuschätzen.

Bedenken Sie, dass die Duration keinen perfekten Maßstab der Realität darstellt. Das liegt daran, dass Zinsänderungen nicht jede Anleihe auf dieselbe Weise betreffen. Dennoch ist sie eine gute Faustregel.

Bei einer herkömmlichen Anleihe sinkt die Duration kontinuierlich zum Ende der Laufzeit. Ein Anleihe-ETF hingegen versucht die Duration möglichst konstant zu halten. Dies wird dadurch erreicht, dass ein Anleihe-ETF die gehaltenen Anleihen regelmäßig gegen länger laufende Pendants austauscht, um die Restlaufzeit relativ stabil zu halten.

Daher sollten Anleger mit kurzem Anlagehorizont nur in kurzfristige Anleihen mit niedriger Duration investieren, um einen Verlust bei einer Zinserhöhung so gering wie möglich zu halten.

Anleger, die den Anleihen-ETF sehr lange halten möchten und Änderungen des Zinssatzes ignorieren können, können dagegen auf längerfristige Produkte setzen, da diese die Geduld und Risikobereitschaft mit höheren Kuponzahlungen in der Regel belohnen.

Achten Sie darauf nicht in einen Anleihen-ETF zu investieren, dessen Duration größer ist als Ihr Anlagehorizont und vergessen Sie nicht, dass langlaufende Anleihen hohe Kursverluste hinnehmen müssen, wenn die Zinsen von ihrem historischen Tief wieder steigen. Je kürzer die Laufzeit von Anleihen-ETFs desto kleiner ist das Risiko von Wertschwankungen. Dies bedeutet aber auch, dass diese Anleihen nur noch eine kleine, wenn nicht sogar negative, Rendite liefern. Grundsätzlich gilt also, dass Sie sich für den besten Mittelweg im Einklang mit Ihren Anlagezielen entscheiden.